Odyssei App – hier ein Screenshot (linker Teil des Synths) von einem 4“ iPhone SE

Es gibt echte Gewinner bei der allmonatlichen Verlosung von Amazona. Ich weiss es, denn ich bin einer davon. Vor ein paar Jahren habe ich den KORG Odyssey gewonnen. Danke nochmal dafür. Es ist einer der Klassiker, die mir immer gefielen. Bei der Frage Stones oder Beatles wäre ich ganz klar für den Odyssey. Zu Studizeiten wohnte ich in einer WG, einer meiner Mitbewohner kaufte einen, nachdem er seinen MS 20 abstiess, ich hatte anfangs (bis Ende der 70er war ich Gitarrist) lediglich einen Yamaha CS5. MS 20 und CS5 arbeiteten auch ziemlich gut zusammen, da beide V/Hz Charakteristik haben. Die einzigen Punkte, die mir beim Odyssey nicht gefielen, waren die kastrierte 2. Hüllkurve, die Coarsestimmung ohne Mittelrastung und beim Original die überstehenden Tasten, die sind allerdings beim Nachbau kein Problem.

Wie ich (vieleicht auch zu) oft betonte, finde ich die Hardwarelösung der Softwarelösung nicht automatisch überlegen. Im Gegenteil, müsste ich mich entscheiden, würde wahrscheinlich öfter die Software gewinnen. Es gibt einfach zu viele Vorteile beim Musikmachen. Diese Aussage gilt natürlich nur für mich, meine eigenen Liveauftritte sind Geschichte. Live würde ich einen! Monosynth einsetzen, sowie einen Polyphonen. 

Mein Plan: ein Vergleich des KORG Odysseys als Hard- und Software. Letzteres wäre die iPad Version, die der PlugIn-Version auf dem Computer entspricht. Die gleichen Sounds, die gleichen Parameter. Nein, stimmt nicht, die Version für die DAW hat zwei zusätzliche Soundbänke (je 50 Sounds), die V1 und V2 heissen, das steht für die erste und zweite Revision des Odyssey, Factory steht vermutlich für die Sounds der dritten Version (100 Sounds). Sounds lassen sich speichern und laden, da ist also wenig Beschränkung da. Ob die iOS Version auch auf dem Mac läuft, konnte ich nicht testen, mangels M Mac (warte immer noch und wenn ich so weiter mache, auch in zwei Jahren noch).

Ich selbst bin an der Frage, wie nah ein Nachbau dem Original kommt, komplett uninteressiert, deshalb konzentriere ich mich eher auf die Unterschiede der Konzepte. Der offensichtlichste: einmal habe ich ein Instrument vor mir, einmal eine Software auf dem iPad, für die ich ausser einer Tastatur auch noch einen Computer oder ein iPad brauche. Es läuft sogar auf meinem iPhone SE der 1. Generation, das finde ich allerdings eher suboptimal. Ok, als Expander ist es nutzbar. Bei meinem XR sieht es etwas besser aus, das lässt sich schon fast spielen.

Die Softwareversionen sind polyphon, wie viele Stimmen, hängt vom Prozessor ab, die Hardware höchstens duophon. Die Software hat Speicher für Sounds, die Hardware nicht. Das ist natürlich ein grosser Unterschied. Die fehlenden Speicher bei der Hardware finde ich allerdings nicht wirklich als Nachteil, das gilt aber vor allem für live. Das bringt ein bisschen Unkalkulierbarkeit in die Soundgestaltung, das ist meist interessant. Will ich das nicht, greife ich zur Software. Die Polyphonie (Paraphonie, um genau zu sein) ist bei einigen Sounds ein großer Mehrwert.

Absolut stark verändert sich das Pendel zur Software, wenn ich den Sequenzer, den es nur in der Software gibt, mit einbeziehe. Klar, es wird der übliche Kram abgedeckt, vorwärts, rückwärts, zufällig, nur die geraden oder nur die ungeraden Steps, oder nur jeder x-te Schritt wird gespielt. Die Sequenzen lassen sich mit der Tastatur transponieren. 

Der Sequnzer erlaubt drei freie Modulationsziele. Die Auswahl hier auf dem SE verdeckt die Steps 9-16.

Das Ausklappmenü zeigt einige der frei wählbaren Modulationsziele.

Der Sequenzer hat 16 Schritte, wie bei ARP üblich, als Schieberegler. Links davon mit einem Glideregler. Diese Potis können 6 Parameter gleichzeitig regeln: Halbtöne, Oktaven und Gate, sowie drei frei wählbare Parameter, von denen der erste in der Voreinstellung Glide zugeordnet ist. Kann aber geändert werden.  Es stehen 17 (Grob-)Modulationsziele zur Auswahl: Voices, VCO1, VCO2, LFO, S/H Mixer, Audio Mixer, VCF, VCA, EG, Distortion, Phaser, Chorus, EQ, Delay, Reverb, Arpeggiator und Master. Jeder dieser Parameter öffnet bei Antippen bis zu 8 weitere Parameter, die das endgültige Modulationsziel bestimmen. Und drei aus dieser opulenten Auswahl lassen sich pro Sequenz zusätzlich zu Tonhöhe und Gate in der Modulationsstärke einstellen.Mit diesen Facts im Hinterkopf schwindet der Nachteil der AR „Hüllkurve“ natürlich, denn hier habe ich eine 16-stufige Hüllkurve zur Verfügung, das schlägt jedes andere Modell.

Damit lassen sich wirklich interessante Modulationen erzeugen. Und das in einer sehr guten Umsetzung der Bedienung. Die besten Beispiele verändern mit dem Sequenzer direkt den Klang, der damit alles statische verliert. Beispielsweise die Tonhöhe eines Oszis in einem Syncsound. Alles geht ohne allzu viel Denkschmalz sofort zu bedienen, ganz im Gegensatz zu einigen anderen Beispielen. Der Sequenzer des MS-20 der gleichen Firma gefällt mir beispielsweise deutlich weniger. Die Bedienung ist irgendwie spröde. Und die zusätzliche Integration des Klopfgeistes macht die Sache für mich auch nicht übersichtlicher. So ganz nebenbei stellen Odyssey und MS-20 für mich den positiven und negativen Punkt der iOS Synths von KORG dar. Nicht vom Klang, vor allem wegen der Bedienung, denke da vor allem an die Presetwahl. Überhaupt sollte man keine Synthapp ohne optionale, platzsparende +/- Steuerung der Presets mehr akzeptieren. Aber ich schweife ab.

Bei mir gibt es zwei an sich gegensätzliche Vorlieben: Ich habe lieber die Kontrolle über bestimmte Parameter an einer Stelle, nicht über alle Geräte/PlugIns verteilt. In der Produktionsphase wäre das die DAW. Also lieber Hall in der DAW als im PlugIn, Sequenzer lieber in der DAW als im PlugIn. Das geht unter Umständen bis zum Sounddesign, wo ich einen zu dünnen Klang manchmal schneller und besser in der DAW als im PlugIn oder Synth dopple, detune, etc. Gleichzeitig mag ich es, wenn wie hier, ein bisschen Sequenzer und Effekt mit im Programm ist, hier ist es genau richtig getroffen. Das ist gut zum Nebenbei-spielen. Will ich einen Song erstellen, wechsle ich schnell zur DAW.

Damit komme ich zur Hardware, sie hat (in meinem Fall) eine verkleinerte Tastatur, was für mich noch nie ein Grund zur Klage war. Was ich allerdings vermisse, ist Anschlagsdynamik und Aftertouch bei der Tastatur. Bei einem 50 Jahre alten Original gibt es für mich keinen Grund, die Dinge, die man damals versäumt oder falsch gemacht hat, bei der Kopie zu wiederholen. Die Tonhöhe und Dauer (und nur das!) wird über USB MIDI ausgegeben und natürlich auch empfangen. Für MIDI-bewanderte: das Statusbyte, das die Art der MIDI Nachricht sendet, ist immer NoteOn, wahrscheinlich mit Velocity Wert 0 statt NoteOff. Da Kanalwahl und Velocitywert wegfällt, kann aus der 3 Byte MIDI Nachricht eine 1 Byte Nachricht werden. Ich habe allerdings nicht geprüft, ob das so ist. Audio Out über Klinke 6,3 (Low) und XLR (High Level) in Mono. MIDI Daten können auch über DIN MIDI empfangen werden. Pedal, Portamento Switch, Externer Audio Eingang und Kopfhörer sind als 6,3er Klinke, CV, Gate und Trigger (jeweils in und out) als 3,5er Klinke vorhanden. Ich gehe davon aus in V/Oct. wie beim Original und nicht V/Hz wie bei KORG sonst üblich. Ihr seht, ich verwende diese Buchsen (bisher) nicht.

Super fände ich es, wenn ich mit der Hardware direkt die Software steuern könnte. Aber ein analoges Poti oder Schalter sendet nunmal kein MIDI. Dazu müssten alle Potis und Schalter mit AD Wandlern + zusätzlichen Bauteilen ausgestattet werden, was den Preis natürlich stark in die Höhe treiben würde. Speicherbare Synths haben so was zwangsläufig, daher kann das dort auch viel einfacher umgesetzt werden. Aber was denke ich über nicht gesendete MIDI Parameter nach, wo doch nicht mal Pitch und Modulation übertragen werden. Klarer und auch unverzeihlicher Minuspunkt. Pitch, CC 1, 7 und 65 wären das absolute Minimum.

Was ich noch vergessen habe, die Proportional Pitch Control Felder sind beim Original Arp nach meiner Erinnerung recht gut, beim KORG höchstens durchschnittlich, eigentlich eher schlecht umgesetzt. Einen Ton in der Tonhöhe exakt zu modulieren geht nicht gut und erfordert einen zu hohen Druck, dadurch leidet auch die Dosierbarkeit. Da wären Wheels die eindeutig bessere Wahl gewesen.

Die Version für das iPhone muss mehr Screens anbieten, damit sie bedienbar bleibt. Schon die Hauptseite ist in die linke und die rechte Hälfte unterteilt. Dazu kommen noch Sequenzer und Effekte als weitere Screens. Das löst die iPad Version auf zwei Seiten. Die Legacy Version auf dem Rechner schafft das, zumindest bei einem, von mir bevorzugten WQHD Schirm, auf einer Seite. WQHD hat allerdings auch 1440 Pixel in der Höhe. Full HD kann das nicht, das sind nur 1080 in der Höhe. Für solche Fälle drehe ich einen zweiten (HD) Bildschirm ins Hochformat, das geht dann auch besser. Der zweite Vorteil der Legacy Version: ich kann die CC Nummern (das zweite Byte einer MIDI 3-Byte Nachricht) einblenden lassen. Das ist sehr hilfreich für die Zuweisung externer Controller zur Parametersteuererung. Genau in diesem Bereich sind die größten Unterschiede der drei Versionen. Die Hardware hat Regler, bester haptischer Zugriff und keine Aufzeichnungsmöglichkeiten. Dann die iOS Version, der haptische Zugriff deutlich reduziert, aber viel besser als bei der „Mausversion“. Bei der Computerversion ohne zusätzliche Hardware schlechteste Haptik, dafür komplett in die DAW integriert mit den Vorteilen der Automatisierung der Parameter.

Die Hardware ist ein Liveinstrument, Punkt. Das einzige Risiko ist, den Coarse Tune Poti, zu berühren! Im Studiokontext ist meine Wahl die iOS App. Ein Lightningkabel zum Rechner, im Audio-MIDI Fenster als Instrument aktiviert und der Sound wird wahlweise vom gewichteten 88er Keyboard oder einem angeschlossenen Synth angesteuert. Dabei fällt mir auf: ich habe nie versucht, z.B. in Live, Bitwig, Cubase ein iOS Device mit lediglich diesem einen Kabel einzubinden. Es ist ein macOS Feature, sollte igentlich in jeder DAW gehen. Alle Modulationen werden mit aufgezeichnet. Das gilt auch für das Computer PlugIn, allerdings kostet das den dreifachen Preis ohne signifikantem Vorteil. Den genauen Preis sehe ich im (iOS) AppStore nicht, denn ich habe es gekauft, dann steht da „Öffnen“ an Stelle des Preises. Ich glaube es sind 33 €, ich habe etwa 22 € dafür bezahlt. KORG macht zwei mal im Jahr reduzierte Angebote, gilt dann sicher auch für die Legacy App.

Ach so, soundmäßig höre ich keine Unterschiede. Ist allerdings auch nicht banal, ein Patch auf der Hardware genau nachzuprogrammieren. Da es für mich keine Rolle spielt, wie genau die beisammen sind, habe ich da auch keine Energien reingesetzt. Aber alle klingen sehr gut. Würde ich jederzeit wieder Geld investieren.